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Pressemitteilung - 5. August 2021

Sonderausstellung „fahrradkörper“ im Haus Coburg

Die neue Sonderausstellung „fahrradkörper“ (15. August bis 31. Oktober) in der Städtischen Galerie Delmenhorst widmet sich dem Zweirad als Objekt und Motiv in der zeitgenössischen Kunst. Als Fortbewegungsmittel im Alltag ein unkompliziertes Gefährt, kann das Fahrrad in der Kunst in ungeahnten Zusammenhängen auftauchen. Es schwankt dabei zwischen skurriler Dysfunktionalität und emotionalem Transmitter, wobei der menschliche Körper sowohl in An- als auch in Abwesenheit einen zentralen Referenzpunkt bildet. Die Ausstellung greift in die Spannung zwischen der skulpturalen Qualität des Vehikels und seiner sozialen Dimension ein und lädt dazu ein, Fahrräder neu zu denken.

„fahrradkörper“ ist die erste von drei Ausstellungen in der Region, die sich dem vielstimmigen Auftauchen des Velos in der Kunst widmet. Die Städtische Galerie in Bremen und die Kunsthalle Wilhelmshaven setzen dieses Programm im kommenden Jahr fort.

Eine provokative Geste von Marcel Duchamp, der 1913 eine Fahrradfelge auf einen Hocker montierte und zum Kunstwerk erklärte, bildet den Ausgangspunkt für die Sonderausstellung „fahrradkörper“, die am 15. August mit einem Hoffest im Haus Coburg eröffnet wird. Der französisch-amerikanische Künstler sorgte seinerzeit für viel Unruhen in der Diskussion über den Gegenstand und die Methoden der Kunst. Seit diesem ersten kinetischen Readymade, 1963 von Julian Wasser fotografiert, haben zahlreiche Künstlerinnen und Künstler das Fahrrad in seiner skulpturalen Qualität für ihre Kunst adaptiert.

Frederik Foert und Thorsten Brinkmann bedienen sich markanter Einzelteile wie des Lenkrads und rücken die Grazie des industriell gefertigten Objekts in den Vordergrund. Dabei verfügt das Fahrrad nicht nur über skulpturale Qualitäten, es ist auch ein Sinnbild für Mobilität und Nullemission. Die in ihm steckende Bewegungsenergie nutzen beispielsweise Olaf Metzel und Roman Signer, um es mit statischer Fixierung oder ungewohnten Aktionen zu konfrontieren.

Die Kraftwirkung des Fahrrads, also auch seine Funktionalität und Zweckgebundenheit, wird von David Moises, Felix Rombach oder Wolfgang Zach zuweilen humoristisch auf die Probe gestellt. Wie viele Vorderräder ein Fahrrad verkraften und wie wenig von einem Fahrrad übrigbleiben kann, um noch als solches zu gelten, untersucht beispielsweise Wolfgang Zach, der seine Werke zum Gebrauch zur Verfügung stellt. Tatsächlich realisieren sich diese Objekte erst durch die Partizipation der Besucherinnen und Besucher. Diese Fragmentierung wird bei David Moises und Felix Rombach zu funktionsfähigen Maschinen weiterentwickelt. Rombach und Moises entwerfen Fahrrad-Apparate, die die menschliche Muskelkraft nicht mehr benötigen, da sie von benzinbetriebenen Motoren angetrieben werden. Ohne Rücksicht auf das umweltfreundliche Image des Gefährts sind sie humoristische Verweise auf den Wunsch des Menschen nach Komfort und Technisierung, trotz aller Liebe zur Umwelt.

Der Körper, der stets in skulpturalen Arbeiten anklingt, wird in den Arbeiten von Klara Lidén, Ina Weber und insbesondere Elizabeth Wurst zur expliziten Referenzgröße. Auch Kisten Pieroth befragt die Produktivität des fahrradfahrenden Körpers. 2008 beauftragte die Konzeptkünstlerin einen Fahrradkurier mit einer Lieferung, die von Manchester nach Sheffield gebracht werden musste. Nach der anstrengenden und gefährlichen Fahrt erhielt der Kurier das Päckchen, das er eben zugestellt hatte, als Geschenk. Die Aktion wurde von einem Sportfotografen dokumentiert. In seiner kapitalistischen Verwertung muss der Körper Strapazen und Gefahren auf sich nehmen und befindet sich in einem Ausbeutungsverhältnis. Das Fahrradfahren, was in verkehrspolitischen Diskursen als heilsversprechende urbane Praxis für den Klimaschutz propagiert wird, erfährt durch diesen Rückbezug auf den arbeitenden Körper eine Revidierung. Nicht alle, die auf einem Fahrrad sitzen, können sich diesen Umstand aussuchen.

In der Tradition von feministischer Performancekunst thematisiert Elizabeth Wurst die patriarchalen Machtstrukturen und ihre gewaltvollen Ausprägungen im öffentlichen Raum, indem sie sich in ihrer neusten Videoarbeit den Blicken und sexistischen Kommentaren von Passanten aussetzt und die Begegnungen aufnimmt. Anders als der abgeschirmte Körper im Auto ist der fahrradfahrende Mensch exponiert. Die Künstlerin Mirjam Thomann denkt in ihren Installationen im Freien gleichermaßen über architektonische und soziale Regelungen des öffentlichen Raumes nach. Sie installiert Objekte in unmittelbarer Nähe zum Haus Coburg, die sowohl in ihrer Form als auch in ihrem Gebrauch Ambivalenz vermitteln. Sie erinnern an Fahrradständer in ihrer sozialen Funktion als Lieferanten für Sicherheit und Stabilität.

Einen dezidiert verkehrspolitischen Blick wirft der Künstler Rainer Ganahl auf das Thema. In Videos hält er seine Versuche fest, gegen den Straßenverkehr in Großstädten wie Berlin anzuradeln. In diesen halsbrecherischen Performances stellt er die Übermacht des motorisierten Verkehrs heraus und fordert in einem „Bike Manifest“, mehr Straßenflächen für Fahrräder zu reservieren. Wie die Welt nach ihrem Zusammenbruch aussehen und wie sich das Fahrrad zum letzten Zeichenträger von Zivilisationen entwickeln kann, zeichnet Janis E. Müller in einer neu entstandenen Arbeit nach.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Die Ausstellung wird von der Stiftung Niedersachsen, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie der Delmenhorster Firma Wehrhahn großzügig unterstützt.

Mit Werken von: Julia Baier, Thorsten Brinkmann, Frederik Foert, Rainer Ganahl, Klara Lidén, Olaf Metzel, David Moises, Janis E. Müller, Kirsten Pieroth, Felix Rombach, Roman Signer, Mirjam Thomann, Julian Wasser, Ina Weber, Elizabeth Wurst und Wolfgang Zach.


Nr. 189|21 - Städtische Galerie Delmenhorst

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