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Pressemitteilung - 9. April 2018

Zeitzeugnis Wilhelm Schroers bald an allen Schulen

Der Verein zur Förderung der kommunalen Kriminalprävention in Delmenhorst finanziert ein bedeutendes Projekt: Nach den Osterferien werden an allen weiterführenden Schulen in der Stadt jeweils bis zu zehn Exemplare des Buches „Wilhelm Schroers – Lebenserinnerungen – Widerstand und Wiederaufbau in Delmenhorst“ für den Unterricht als Zeitzeugenbericht zur Verfügung gestellt. Oberbürgermeister Axel Jahnz unterstützt dieses Projekt mit seiner Schirmherrschaft. Herausgeber des Buches sind Heiko Honisch und Hans-Joachim Olczyk.

Wer war Wilhelm Schroers? Wilhelm „Willi“ Schroers wurde am 16. Januar 1900 in Bremen geboren. Nachdem er 1914 die katholische Schule in Delmenhorst beendet hatte, arbeitete er als Arbeiter in der Industrie, in der Landwirtschaft und auf dem Bau. Bereits als jugendlicher Arbeiter schloss er sich der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung an. Aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten innerhalb der Arbeiterbewegung gerieten er und seine Ehefrau Martha während der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 sehr schnell ins Fadenkreuz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).

Mehr als zwei Jahre, genau 26,5 Monate, verbrachte Wilhelm Schroers in Gestapohaft, Gefängnis- oder Zuchthaushaft sowie Lagerhaft in Vechta, Bremen, Oldenburg, Bremerhaven, Oslebshausen, Altona und im Emslandlager 4 (Walchum).

Nach der Befreiung durch die Alliierten wurde er am 1. Mai 1945 von der englischen Militärregierung als Vertreter der Arbeiterschaft in den Stadt-Vertrauensausschuss (vorläufiger Stadtrat) eingesetzt und im Oktober zum Ratsherrn ernannt. Ab dem 1. Februar 1946 war er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1965 Leiter des Kulturamtes. In dieser Funktion gründete er unter anderem die bis heute existierende Volkshochschule (VHS). Bis zu seinem Tod am 4. Juli 1981 stellte er sich konsequent gegen Wiederaufrüstung, Atomindustrie, Vietnamkrieg und Berufsverbote.

In der Beschäftigung mit Geschichte um den Menschen geht es darum, wie Menschen gelebt, genauer, wo sie gewohnt, was sie gearbeitet und geglaubt haben, welche Ordnungen sie sich gegeben haben, was sie wann und warum verändert haben, wie sie gekämpft oder gelitten haben. Deshalb müssen in der Auseinandersetzung mit Geschichte auch Geschichten von Menschen vorkommen, teilt der Verein zur Förderung der kommunalen Kriminalprävention in Delmenhorst mit.

Persönliche, erzählte Geschichten bringen Zusammenhänge, Einzelheiten und Facetten – gerade aus der Alltags-, der Mentalitäts-, der Kultur- und Lokalgeschichte – zutage, die zum Beispiel in Akten oder Geschichtsbüchern häufig nicht zu finden sind. Dabei geht es nicht darum, Sichtweisen zu übernehmen oder gar überwältigt zu werden, sondern um wahrzunehmen, zu überprüfen und einzuordnen und sich zugleich eigener Erfahrungen, Positionen und Werte bewusst zu werden.

Zeitzeugenbefragungen („Oral History“) können gewisse Risiken beinhalten, denn die vielen Jahre, die zwischen den Ereignissen und dem Erinnern liegen, haben die Bewertung des Erlebten verändert, und es werden neue Deutungsmuster wirksam. Das heißt: Was vor 50 Jahren noch akzeptiert war, kann inzwischen außerhalb der gesellschaftlichen Norm liegen. So werden viele Menschen Geschehenes nicht so wiedergeben, wie sie es damals erlebt haben. Vielmehr orientieren sich Interviewpartner häufig gegenwärtig an gesellschaftlich akzeptierten Deutungen und berichten Vergangenes unter dem Eindruck der nachfolgenden Entwicklung.

Die vorliegenden schriftlichen Lebenserinnerungen von Wilhelm Schroers sind nach Einschätzung von Ruth Steffens vom Kriminalen Präventionsrat der Stadt Delmenhorst frei von diesem Risiko, da sie bereits in den 1950er-Jahren verfasst wurden und mehrfach von Studierenden der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Dr. Martin Barth) für wissenschaftliche Arbeiten heran-gezogen und überprüft wurden. Die historischen Fakten sind daher alle korrekt und überprüfbar.

Nr. 171|18 - tif